Stadionbau als Inszenierung des ZusammenbruchsIn seinem Buch "Weltmacht USA - ein Nachruf" weist Emmanuel Tood darauf hin, dass das römische Reich sich vor seinem Zusammenbruch mit einer immer grösseren, unproduktiven Plebs konfrontiert sah und sagt: "Da man die ungehorsame, aber geographisch zentrale Plebs nicht loswerden konnte, verlegte man sich darauf, sie mit Brot und Spielen zu versorgen." (S. 86) Der Stadtpräsident von Zürich hatte wie oft ein scharfes Verständnis für zeitgeschichtliche Entwicklungen, als er für das neue Hardturmstadion den Entwurf "Brot und Spiele" auswählte. Die Auseinandersetzung um das Stadion hat neben der üblichen Dimension eines lokalpolitischen Hickhack durchaus auch paradigmatische Bedeutung angenommen. GegnerInnen und BefürworterInnen des Projekts in allen politischen Parteien (auch bei den Grünen) scheiden sich entlang einer global gültigen Risslinie. Während die einen an eine unendliche Zukunft des heutigen kapitalistischen Wachstumsmodells glauben, rufen die anderen zur Umkehr und zur Besinnung auf. Gemäss den offiziellen Ökonomen kämpft die Weltwirtschaft heute mit einem Nachfrageproblem: es wird zu wenig konsumiert. Schon kurz nach dem 11. September rief Präsident Bush die Bevölkerung dazu auf, trotz des Kriegs gegen den Terrorismus an der Heimatfront nicht nachzulassen und seine Bürgerpflicht als Konsument zu erfülllen. Konsum ist eine Form des Systemgehorsams geworden, denn ohne ihn bricht es in der Tat zusammen. Zynisch daran ist, dass dieser Konsumpatriotismus nur für jene etwa 500 Millionen Menschen in den reichen Ländern (USA-Europa-Japan) gilt, während der Rest des Planeten für Hungerlöhne diese Konsumgüter herstellen soll. Dazu kommt, dass der Konsumkrieg daran ist, die Biosphäre zu ruinieren, weil die ganze Agglo-und Suburbia-Struktur, in der die KonsumsoldatInnen herumfahren etwa um einen Faktor 5 (gemäss Ecological Footprint und anderen Messverfahren) zu energie-und ressourcenintensiv ist. Das bedeutet, ganz unmoralisch und faktisch gesehen, dass der Konsumkrieg ein Krieg gegen den Planeten ist, eine Inszenierung des Untergangs. Nun, Untergang macht Spass. Schon seit 30 Jahren verkünden apokalyptische WanderpredigerInnen den Ökollaps und nichts - sagen wir fast nichts - ist geschehen. Das Klima ist vielleicht ein bisschen komisch geworden und die Kriege um den Benzinnachschub für unsere Konsumpanzer befremden uns etwas. Die Frage ist tatsächlich nicht, ob der Planet untergeht, sondern ob dieser Untergang wirklich Spass macht. Und diesbezüglich gibt es doch einige besorgniserregende Phänomene, eben zum Beispiel die Desertion der KonsumentInnen, die das "Brot und die Spiele" allmählich gesehen haben. Shopping kostet nur Nerven, zu den Mätschen von GC im heutigen Stadion gehen kaum 2000 Fans, viele erst noch bloss um Radau zu machen. (Vielleicht könnte man gepolsterte Radau-Hallen einrichten ohne für sie ein Stadion bauen zu müssen.) Das vorgeschlagene Stadion sieht einen Shopping-Sockel vor, der einem mittleren Einkaufszentrum (Letzipark) entspricht. Das Hardturmquartier braucht für seine Vorsorgung kein solches Shoppingcenter, höchstens 1000m2 Ladenfläche. Falls es überhaupt jemand braucht, dann sind das jene KonsumpatriotInnen aus der Agglomeration, die immer auf der Suche nach neuen Fronten sind. Es ist nicht bloss der Schattenwurf des grossen Mockens und der Verkehr, die uns in Zürich West stören, es ist die Beerdigung jener Aufbruchsvision, die auf vielfältigen, phantasievollen, wendigen Nutzungen und überraschenden Mischungen beruhte und den Charme von Zürich West ausmacht. Das geschenkte Stadion ist nichts anderes als ein Vorposten des Agglobreis, der uns ökologisch und nervlich umbringt. Es ist nichts Neues, sondern etwas sehr Altes, das Vorgestrigste, das man sich vorstellen kann. Wenn es ein Geschenk der Credit Suisse an die dankbare Stadt ist, dann ein Danaergeschenk. (Eigentlich sollte man schon misstrauisch werden, wenn eine Bank einem etwas schenken möchte.) Das Shoppingstadion ist keineswegs gratis, es kostet die Stadt urbane Substanz, es blockiert eines der wenigen Entwicklungsgebiete der Stadt mit einer monströsen Shoppingmaschine, die alle kreativen Initiativen erschlägt. Das Stadion ist ein Durchhaltesignal für die Wachstumsgläubigen: alles muss weiter gehen wie bisher, nur grösser, aufwendiger, lauter. Die Stadt will ein Zeichen setzen: wir sind noch da! Die Konsumfront wankt nicht! Wenn schon Untergang, dann mit einer letzten, grossartigen Geste. Es kann gut sein, dass diese Rechnung aufgeht. Schon bei Swiss hat das funktioniert. Die CS ist der ideale Garant für gigantische Fehlinvestitionen. Und: hätte Elmar Ledergerbers Vorfahre das Kolosseum nicht gebaut, wo wären heute die schönen Ruinen, die die Touristen anziehen? Selbstverständlich haben die GegnerInnen des Stadion etwas Kleinliches. Warum soll ausgerecht Zürich nicht auch ein Stadion haben wie Basel oder Genf? Zürich muss Pionierstadt bleiben. Doch gerade in Sachen Stadion verhält es sich als Nachzüglerin, die andern hinterherrennt, die zudem ihren Fehler allmählich einzusehen beginnen (das Shoppingcenter Genf ist öde und leer). Falls Zürich tatsächlich Zeichen setzten möchte, müsste es heute sagen: diesen Blödsinn machen wir nicht nach. Statt eines überflüssigen Stadions bauen wir weiter an einer wegweisenden urbanen Struktur, die den immer zahlreicher werdenden KonsumdeserteurInnen Experimentierraum gibt. Das konsumistische Weltreich macht nicht einmal als Inszenierung des schönen Zusammenbruchs viel Spass. Es ist inzwischen viel spannender herauszufinden, was herauskommt, wenn Ex-KonsumentInnen versuchen ihr Leben selbst in die Hände zu bekommen. Ideen gibt es, was noch fehlt, ist die politische Einsicht. 16.4.2003 |