21. August 2003, 02:20, Neue Zürcher Zeitung

«Rentiert etwa eine Kathedrale?»

Warum das Stade de Genève so viele Sorgen bereitet

bir. Genf, 20. August

Die Botschaften aus den neuen und oft vorneweg gerühmten Schweizer Fussballstadien sind manchmal auch erfreulich: Am Mittwoch war es zwar nicht gleich so, wie sich das der Schweizer Fussballer Patrick Müller vorher gewünscht hatte. Das ausverkaufte Stade de Genève leuch-tete anlässlich des Spiels zwischen der Schweiz und Frankreich nur bedingt «auf der einen Seite rotweiss und auf der anderen ganz blau». Aber die Atmosphäre im Stadion liess sich dennoch sehen, hören und richtiggehend aufsaugen, was vor allem jenen gut tat, die sich von Amtes we-gen intensiver mit dem Stadionkomplex in La Praille zu befassen haben. Denn die Genfer ha-ben ausserhalb der Feiertage «à la équipe tricolo-re» mit ihrem Bijou an vielen Fronten zu kämp-fen. Es läuft bei weitem nicht so rund, wie man sich das ausgemalt hatte. Da nützt auch der Hinweis nach ein paar Monaten Betriebszeit nichts, dass das Stade de Genève schon über 200 000 Menschen begrüssen durfte. Anlässlich der Eröffnung im März wollten 30 000 YB se-hen, ebenso viele Italien B und jetzt Frankreich, fast so viele Albanien. Und auch der französi-sche Rockstar Johnny Hallyday zog mit zwei Konzerten fast 60 000 Leute an. Alles paletti?

Mitnichten. Die Stadionbetreiber haben Sorgen. Der Servette FC müsste regelmässig über 15 000 Zuschauer anlocken, um im Stadion finanziell über die Runden zu kommen. Doch die Genfer sind derzeit nur schon froh, wenn gegen den FC St. Gallen etwas mehr als 7000 kommen. Weil da etwas fehlt, muss irgendjemand für die Diffe-renz aufkommen. Den Stadionbetreibern fehlen elf Millionen Franken. Der Kanton Genf hat unlängst weitere vier Millionen vorgeschossen, damit die Sportstätte wenigstens punkto Sicher-heit endlich den Normen entspricht. Noch immer fehlen aber sieben Millionen, damit das Stadion überhaupt fertig gebaut werden kann. Es zeich-net sich ab, dass die Betriebsgesellschaft nicht nur kurz-, sondern auch mittelfristig erhebliche Defizite einfährt. Was Wunder, dass unter sol-chen Vorzeichen Polemik Konjunktur hat. Ein-mal meldet sich der Generalunternehmer Zschokke in der Öffentlichkeit, weil involvierte Unternehmen auf Geld warten. Dann meckert Hallydays Konzertveranstalter, der Ort sei für grosse Konzerte nicht geeignet. Besucher des Konzerts bemängelten überdies die Akustik. Dann wird ein kritischer Dokumentarfilm über die Entstehung des Stadions im Westschweizer Fernsehen zensuriert. Immer wieder dringt der gleiche Vorwurf durch: dass die Betreiber sei-nerzeit von falschen Voraussetzungen ausgegan-gen seien.

Jelmoli-Direktor Alain Rolland, der sein Unter-nehmen in der Stiftungsgesellschaft des Stadions vertritt und zudem in der Servette-Führung sitzt, räumt ein, dass das Stadion «ein wenig Proble-me» bereite. Man müsse es mehr zum Leben bringen, sagt er. Doch dazu braucht er wohl ei-nen viel längeren Atem als angenommen. Rol-land gibt zu, dass das Budget um ein paar Milli-onen überzogen wurde: «Wir haben vor vier, fünf Jahren budgetiert, und seither haben sich die Rahmenbedingungen verändert.» Doch die glei-chermassen glücklichen wie auch verflixten Abhängigkeiten bleiben bestehen. In den Worten Rollands heisst dies: «Ohne Servette kein Stadi-on - und ohne Stadion kein Shopping-Center.» Man müsse die Synergien besser nutzen. Das heisst: Durch den Fussball werden 30 000 Men-schen zum Shopping-Center hingeführt. Aber wann kommen so viele, wenn nicht gleich Zida-ne zu sehen ist?

Daniel Roux, der Präsident der Betriebsgesell-schaft, gesteht, dass man punkto Finanzierungs-modell Fehler gemacht habe. Zudem müsse man Prioritäten setzen: Fussball oder Musik. Zu lange hat man wohl paritätisch auf beides gesetzt. Weil der Kanton Genf sowie die Städte Genf und Lancy in der Stiftungsgesellschaft die Mehrheit besitzen, kommt das, was kommen muss: der Ruf nach der rettenden öffentlichen Hand. «Ren-tiert etwa eine Kathedrale?», fragt Roux gereizt. Das Stade de Genève habe auch «eine soziale Bestimmung», es sei eine «öffentliche Infra-struktur». Direkt sei ein Stadion per se nicht rentabel, sagt Roux, man müsse - wie in Basel - «das ökonomische Umfeld dynamisieren». Auch Rolland spielt den Ball der Stadt Genf zu, wenn er über die vielen Jugendlichen spricht, die Ser-vette unterhalte. Im Übrigen hält er wenig von den Bedenken. Man habe nicht ein Stadion für sechs Monate, sondern für Jahrzehnte gebaut, sagt er. Nein, er sage es nicht - «ich hoffe es».

Was sagt uns das Beispiel Genf? Zum einen ist das Phänomen Basel nicht tel quel zu kopieren. Zum andern sollten die Stadionbauer in Bern und Zürich vielleicht nochmals die eine oder andere zusätzliche Überlegung anstellen. Es könnte sich lohnen. Denn: Ein neues, multifunk-tionales Stadion ist zwar schön und gut, aber es kostet auch viel (im Unterhalt) und ist als Gan-zes sehr komplex. Denn nicht immer bringt Zi-dane den Betrieb auf Touren.