Das Mittelland frisst die Stadt von P.M.Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich in der Schweiz eine grosse Transformation vollzogen. Forciert durch den Bau von Autobahnen, aber auch den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel ist aus einem polyzentrischen Land ein flächendeckendes "urbanes System" entstanden, das nicht mehr zwischen Stand und Land unterscheidet. Im urbanen System Schweiz sind alle privaten und staatlichen Dienstleistungen - von Shopping bis Zivilstandsamt - von jedem beliebigen Punkt aus innert einer halben Stunde erreichbar. Der "neue Städter" wohnt irgendwo und sucht sich sein Leben sozusagen à la carte zusammen: er arbeitet bei Baden, kauft in Olten ein, geht in die Disco in Zürich, bildet sich in Solothurn weiter, geniesst seine "Naherholung" am Vierwaldstättersee. Aus der Schweiz ist eine Agglomeration mit einigen verdichteten Resten, z.B. der Stadt Zürich, geworden.
Diese Entwicklung hat sicher positive Seiten, so hat sie z.B. die ländliche Isolation aufgebrochen und den Zugang zu Bildung, Kultur und einer grösseren Palette von Arbeitsplätzen geöffnet. Die schlechte Botschaft lautet allerdings, dass dieses (pseudo-)urbane System zu 90% nicht nachhaltig ist, weil es viel Land frisst und einen hohen Energieaufwand (namentlich bedingt durch den Autoverkehr) erzeugt. Eine andere Frage ist auch, ob dieses Leben à la carte wirklich so viel Qualität bietet, wie es verspricht. Es hat nachbarschaftliche Netze in Dörfern und Quartieren aufgelöst, es belastet gewisse Gebiete übermässig mit Verkehr und Menschenmassen und lässt sie "verslummen", es bietet oft nur faden Ersatz für Qualitäten, die früher an Ort und Stelle vorhanden waren (Shoppingmall statt Quartierplatz). Auch politisch hat die Anonymisierung zu einer Auflösung des Verantwortungsbewusstseins geführt und populistische Tendenzen gefördert.
Das pseudo-urbane System ist schon mittelfristig zum Zusammenbruch verdammt, zudem merken immer mehr Menschen, dass es seine Versprechungen einer schönen Konsumwelt nicht mehr halten kann. Eine Rückkehr ins heimelige Quartier oder Dorf mit kleinen Läden und Gewerbe ist allerdings weder möglich, noch erwünscht, bloss noch ein reaktionärer Traum. Trotzdem wird der Wunsch nach einem sozial intensiven, vollständigeren, aber auch vielfältigen Leben in Fussgängerdistanz heute stärker - langfristig ist es die einzig mögliche Option. Es gilt also die noch bestehenden Städte neu zu erfinden, neu zu beleben, ausgelagerte Funktionen in sie zurückzunehmen. All das bis zu einem gewissen Mass.
Die Transformation des gesichtslos gewordenen Mittellandes in einen Archipel lebenswerter urbaner Zentren, mit der Metropole Zürich als "Hauptinsel", ist die eigentliche nationale (aber natürlich auch globale) Aufgabe dieses Jahrhunderts. Damit wieder Spannung entstehen kann, muss das Land ländlicher, müssen die Städte aber städtischer werden. Im Unterschied zu früher, als ökonomische Zwänge entscheidend waren, wird das Leben in der Stadt zu einer positiven Wahl, aufgelockert durch periodische Aufenthalte auf dem Land. Die seit den sechziger Jahren entstandene Mobilität muss also nicht beendet, sondern nur redimensioniert und werden.
Das Stadion Zürich als ModellfallDie Entwicklung von Zürich West wird seit langem als Chance verstanden, neue Formen städtischen Lebens zu erproben. Statt im Säuliamt zu wohnen und die Stadt nur zu benützen, soll wieder in verdichteten Bauten dort, wo die Action ist, direkt gewohnt werden. Das im Stadtforum Ende der neunziger Jahre entwickelte Konzept für Zürich-West sieht denn auch eine gemischte Nutzung vor, wobei durchaus auch gesamtstädtische und zentrale Funktionen ihren Platz haben. Es sind denn auch einige interessante, gemischte Projekte wie Limmat-West, Steinfels und KraftWerk1 gebaut worden. Im grossen und ganzen ist jedoch kein in sich lebbares Quartier entstanden, sondern nur einige Wohninseln in einem Meer von Büros und Vergnügungsbetrieben. Der Mix ist am Kippen oder schon gekippt. Schon der Schiffbau (was soll ein Theater am Stadtrand?), dann aber auch Shoppingpaläste wie Puls 5, Cinemax, und ein Übermass an Disco-Clubs haben Zürich-West zu einem à la carte Dienstleistungsgebiet für das Mittelland gemacht. Das endgültige Aus für eine neue Perspektive droht dem Quartier - und mit ihm der Stadt Zürich - durch den geplanten Bau eines Fussballstadions mit Shoppingcenter. Das Stadion sitzt sozusagen als Vorwand auf einem Shopping-Sockel von 25'000 m2, so gross wie der benachbarte Letzipark. 1250 Parkplätze sollen garantieren, dass die Shopper (85% aus Richtung Westen) sich hier mit trendigen Möbeln und andern Produkten eindecken und dann wieder hinaus in das urbane System verschwinden können. Es ist nicht der Verkehr an sich, der das umliegende "potentielle" Quartier zerstört, es ist noch einmal die Auslagerung möglicher interner Funktionen in ein anonymes Mittellandzentrum, das ihm den Atem verschlagen wird.
Mit dem Shopping-Stadion rennt die Stadt Zürich einem Trend hinterher, der sie gerade auszuhöhlen droht. Der Hinweis darauf, dass Basel, Genf und andere konkurrierende Städte den Fehler schon gemacht haben, blamiert eine Stadt, die Avantgarde und nicht nur Nachahmerin sein will. Aktive Nachbarschaftsorganisationen haben eigene Visionen für ein Stadtquartier neuen Typs (Città Aperta) entwickelt, die sogar in einem städtischen Wettbewerb prämiert wurden. Sie sehen durchaus ein Fussballstadion vor, eines, das durch einen Ausbau des bestehenden mit weniger Geld (30 Millionen statt der heute notwendigen 350 Millionen) für die EM2008 (30'000 Plätze) ausgebaut und dann wieder auf zürcherische Masse (15'000 Plätze) rückgebaut werden könnte. Statt Shopping werden neue Konzepte, wie direkter Stadt/Land-Austausch mit Konsumdepots in den Wohngebäuden selbst (auch nutzbar als e-Commerce-Knoten), vorgeschlagen. Es geht durchaus nicht um blosse "Verhinderung" oder eine Aversion gegen das Bauen, sondern um den Bau neuer, durchaus grosszügiger Siedlungen, die den BewohnerInnen bei Planung und Benutzung eine aktive Rolle zuweisen. Für Investoren gibt es dort Möglichkeiten mit sicheren Renditen.
Man könnte sagen, dass es in Zürich-West nicht um die Rettung der Welt, sondern bloss um ein etwas zu gross geratenes Fussballstadion gehe. Doch es ist nun einmal so, dass die Stadt Zürich in der Schweiz die Akzente setzt und dass es an der Zeit ist, dass endlich andere Akzente gesetzt werden, die zu einer nachhaltigen Schweiz führen.
Darum wollen wir den Kampf um das Stadion zu einem Testfall für eine Abkehr vom weiter wuchernden pseudo-urbanen System und für eine Wiederbelebung eines ökologisch tragbaren, bunten Lebens in verdichteten Städten machen. Demokratie und Zivilisation beruhen auf der intensiven Kommunikation von verantwortlichen Menschen in urbanen Zusammenhängen.
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